Einweihung des neuen Gedenkortes für die Opfer des NSU-Terrors - Bericht

Am 3.11.2019 wurde der Gedenkort für die Opfer des NSU-Terrors in Zwickau auf der Ziegelwiese (Schwanenteich/ Reichenbacher Str.) eingeweiht. Dabei wurde auch ein Memorandum einer sehr großen Mehrheit des Zwickauer Stadtrates verlesen.

Memorandum Zwickauer Stadträt*innen und Stadträte

Memorandum aller Zwickauer Stadträtinnen und Stadträte der Fraktionen SPD/GRÜNE/Tierschutzpartei, DIE LINKE, „Bürger für Zwickau“ und der weit überwiegenden Mehrheit der Mitglieder der Fraktion CDU/FDP zur Einweihung des Gedenkortes für die Opfer des NSU-Terrors am 3. November 2019:

„Als Zwickauer beschäftigen uns die Taten besonders, weil die Mörder unter uns lebten. Wir verneigen uns vor den Todesopfern des NSU-Terrors und vor dem Leid ihrer Angehörigen.

Wir, die namentlich unterzeichnenden Stadträtinnen und Stadträte der Stadt Zwickau, machen uns eins mit dem Ziel, das durch das Pflanzen dieser zehn Bäume ausgedrückt wird:

Wir wollen, dass die Opfer nie in Vergessenheit geraten. Wir wollen eine Stadt, aus der heraus nie wieder solche Gewalttaten geschehen.

Deshalb wollen wir nicht wegschauen und schweigen, wenn Menschen angefeindet oder bedroht werden, weil sie anderen Ethnien, Nationalitäten oder Religionen angehören. Wir wollen nicht hinnehmend schweigen, wo völkisches, nationalistisches Reden und Tun das Zusammenleben der Menschen in unserer Stadt zu verderben drohen.

Wir bitten alle Menschen unserer Stadt, die Mahnung zu hören, die aus dem Geschehenen spricht. Wir alle tragen Verantwortung für unser Zusammenleben – das schließt unsere Nächsten, aber auch alle anderen Mitmenschen in unserer Stadt ein. Lasst uns gemeinsam aufmerksam sein und entschlossen widersprechen, wo immer wir Unrecht wahrnehmen.“

Bericht von der Gedenk-Veranstaltung

Die Einweihung des Gedenkortes für die Opfer des NSU-Terrors verlief nicht glatt, nicht nach Drehbuch. Sie verlief authentisch. Keine Polizeihundertschaften in Kampfmontur waren angerückt, die Veranstaltung war irritierbar. Morgen, wenn Bundeskanzlerin und Ministerpräsident den Ort besuchen, wird das anders sein, verständlicherweise. Heute aber war alles so verwundbar wie die Opfer des NSU-Terrors und ihre Angehörigen, verletzlich wie neugepflanzte Bäume, wie Walter Lübcke, wie die freiheitliche Demokratie. Die heutige Veranstaltung machte das Ringen unserer Stadtgesellschaft deutlich, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Es geht ja um die Auseinandersetzung mit einem Geschehen, das nicht 2011 endete, sondern das auch Symbol für die tiefgreifenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen unserer Tage ist.

Viele Worte wurden gesprochen. Treffende Worte, auch überflüssige Worte vielleicht, und gewiss haben auch Worte gefehlt. Die große Unterschiedlichkeit der Reden zeigte, dass sich hier keine „Einheitsfront“ inszeniert, sondern dass das demokratische Spektrum, dass die Gesellschaft überaus vielfältig ist, auch in Zwickau.
Kurz, aber umso treffender die Rede der Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses im thüringischen Landtag, Dorothea Marx (SPD). Sie legte den Finger in die Wunde, dass der Staat gegenüber Opfern und Angehörigen sein Versprechen gebrochen hat, die Würde des Menschen zu schützen. Bei der Rede von Carsten Körber MdB (CDU) wurde mir hingegen mulmig: Dass Zwickau doch so viele gute Seiten habe und dass es doch nur ganz wenige Rechtsextremisten gäbe – es klang für mich wie eine Rede aus längst vergangenen Tagen, als wir die Tiefe der Auseinandersetzungen unserer Zeit noch nicht begriffen hatten. Beschwörungsformeln. Die Dimensionen des Kulturkampfes der Gegenwart, die ernsthafte Bedrohung der freiheitlichen Demokratie sprach er nicht an, meine Wahrnehmung des Hier und Jetzt stellt sich ganz anders dar. Das Bemühen und den guten Willen des MdB will ich jedoch nicht mies machen. Um die Vergewisserung, dass Zwickau ansonsten doch „ganz o.k.“ sei, ging es mir heute aber nun einmal nicht, mir ging es um demütige und beschämte Würdigung der Opfer und ihrer Angehörigen.

Ein Anwohner der Kölner Keupstraße, Ort des NSU-Nagelbombenanschlages 2004, kam spontan zu Wort. Er kritisierte, dass die Angehörigen der Opfer zu wenig einbezogen worden und auf den Gedenktafeln türkische Buchstaben teilweise falsch geschrieben seien. Ich fand gut, dass auch dies Platz hatte, wiewohl ich auch um die Bemühungen der Stadt um die Einbeziehung der Angehörigen und um die Recherchen bezüglich der richtigen Schreibweise der Opfer weiß. Ich verstehe aber, wenn die Angehörigen der Opfer unzufrieden sind. Sie haben ein Recht darauf, wütend zu sein, und wenn die Bemühungen unserer Stadt Projektionsfläche für diese Wut wären, dann hätten wir das hinzunehmen; es müsste unser Dienst sein, dies hinzunehmen. Auch wenn es die Falschen trifft, nämlich vordergründig jene, die gegen das Unter-den-Teppich-Kehren kämpfen, seit 2011 schon. Dutzende Gespräche am Rande, viel Kritik: Warum unter einigen Tafeln die Namen der Spender verewigt wurden, das Gegenteil einer Demutsbekundung gewissermaßen, denn es muss um die Opfer gehen, die Spender müssen nicht geehrt werden. Ob es wirklich angemessen war, dass der katholische Bischof die Tafeln segnet, obwohl die Mordopfer doch ganz überwiegend muslimischen Glaubens waren. Es wird weiter viele Diskussionen geben und geben müssen, aber dadurch findet die notwendige Auseinandersetzung statt.

Auch die zahlreichen Jugendlichen vom „NSU-Tribunal“ hatten Platz auf der Veranstaltung. Ich freue mich, dass inzwischen so viele junge Leute politisch aktiv sind und sich einmischen. Bei einigen ihrer Transparente war mir jedoch nicht ganz klar, ob sie gegen völkisch-nationalistisch motivierten Terror oder gegen eine Bürgerschaft kämpfen, die gerade einen Gedenkort einweiht. Gerade als ich mit meinen Stadtratskollegen René Hahn (DIE LINKE) und Christian Siegel (CDU) das Memorandum von Zwickauer Stadträtinnen und Stadträten verlas, flitzte eine der Jugendlichen zum Trauerkranz, den die AfD-Stadtratsfraktion vor einigen Tagen niedergelegt hatte (in ihrem Bedürfnis nach Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft wollte die AfD an der heutigen Veranstaltung nicht teilnehmen) und beschädigte diesen, schneller als jemand reagieren konnte. Was für eine Dummheit, musste ich denken. Na klar verstehe ich, wenn Menschen diesen Kranz emotional als Provokation empfinden. Er darf aber dort liegen, unversehrt, so gebietet es das Gesellschaftsverständnis, das bisher gilt. Dumme Aktion. Rechtsnationalisten und Neonazis werden jetzt wieder dramatischste Opfermythen durch ihr Weltnetz jagen, der Wortlaut ist vorhersagbar. Dass die Polizei den Kranzbeschädiger nach der Veranstaltung dingfest machte, sorgte für Tumulte unter den Jugendlichen. Da müssen sie wohl noch lernen. Die Beschädigung des Kranzes war jedenfalls ein Bärendienst für das gemeinsame Anliegen.

Einige Stunden später, am Nachmittag, war ich nochmal am Gedenkort. Viele Sonntagsspaziergänger dort, sie betrachten die Bäume und die Tafeln. Ich beobachte die Szenerie. Sie lesen vielleicht zum allerersten Mal die Namen der Mordopfer, egal ob alle türkischen Lautzeichen an den Buchstaben dem aktuellen Stand der sich ständig wandelnden Schriftsprachenregeln entsprechen. Sie begreifen möglicherweise in diesem Moment, dass die Opfer MENSCHEN waren, deren Leben durch völkisch-nationalistisch motivierten Fanatismus ausgelöscht wurde. Vielleicht denken sie im Innern an die Angehörigen. Der Zwickauer Gedenkort wird von Zwickauer Spaziergängern jedenfalls schon kurz nach seiner Einweihung als Gedenkort genutzt. Darum ging es, darum geht es.

(Wolfgang Wetzel, 3.11.2019)